Dienstag, 18. November 2014 Markus Witt

Bericht vom Familienkongress am 15./16. November 2014 in Halle

Der 13. Familienkongress in Halle - eine Veranstaltung, die wesentlich durch Dietmar Nikolai Webel geplant und vorbereitet, ja geprägt wurde. Sein plötzliches Ableben in diesem Jahr hat in jeder Hinsicht eine Lücke gerissen und auch die Veranstalter vor Herausforderungen gestellt. Trotzdem hat er die Veranstaltung im Geiste begleitet und seine Verdienste wurden durch die verschiedenen Redner mehrfach und angemessen gewürdigt.

Susanne Wildner, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Halle, die dem Kongress seit Jahren das räumliche Umfeld ermöglicht, blickte zurück auf die kontnuierliche Entwicklung der Veranstaltung über Jahre hinweg. Frau Wildner hob besonders die konstruktive Atmosphäre hervor, durch die schon viel erreicht worden sei. Sie wies aber auch darauf hin, dass für eine effektive Gleichstellung von Vätern noch viel getan werden müsse. 

Im Anschluss erläuterte Angela Hoffmeyer als Mitglied des Bundesvorstandes die Arbeit des VAfK und der Projektgruppe Paritätische Doppelresidenz, das gesellschaftliche Umfeld und die Entwicklungen, die das Thema Doppelresidenz in Deutschland nimmt. Es wurde auch auf die zahlreichen Veranstaltungen hingewiesen, welche das Thema immer mehr ins gesellschaftliche Bewusstsein rücken. 

Dr. Christoph Mandla von der Uni Halle-Wittenberg hielt dann einen feurigen Vortrag über die Rechtsprechung deutscher Gerichte zum Wechselmodell. Er stellte auf eindrucksvolle Weise dar, wie widersprüchlich und ohne empirische Grundlage die Gerichte seit vielen Jahren versuchen, mit dem Thema Wechselmodell umzugehen. Eine klare Linie ist nicht erkennbar, es ist mehr oder weniger Glücksache, an welches Gericht man gelangt. Dem Bedürfnis nach einer einheitlichen Rechtsprechung gerade zu diesem Thema können die Deutschen Gerichte aktuell nicht gerecht werden, hier ist der Gesetzgeber gefragt, endlich für Klarheit zu sorgen, was explizit hervor gehoben wurde. 

Dr. Andreas Böhmelt referierte dann über Trennung und Bindung, wie die Kinder dies erleben und wie sich Bindungen auch im Falle der Elterntrennung entwickeln. Er wies auch darauf hin, dass nicht nur die Zeit, sondern auch die Qualität der Zeit, die man mit seinen Kindern verbringt, die Bindung beeinflusst. Als Risiko für die Kinder wurde vor allem der elterliche Konflikt beschrieben - den aber auch nur die Eltern lösen können. 

Josef Mohr, Rechtsanwalt und Mitglied des ICSP Vorstands hatte eigentlich geplant, das Spannungsfeld von psychologischen Forschungsergebnissen und dem Deutschen Recht im Zusammenhang mit dem Wechselmodell zu referieren - er warf sein Referat jedoch im wesentlichen über den Haufen, um den Anwesenden aufzuzeigen, wie in Erfurt und Heidelberg zwei Richter sehr engagiert und unter Einbeziehung des verfassungsrechtlichen Elternrechtes ganz aktuell ein Wechselmodell auch gegen den Willen eines Elternteiles angeordnet hatten. Diese Richter sind neue Wege gegangen, die sich jedoch schon lange logisch erschließen hätten müssen. Es zeigt jedoch, dass trotz einzelner Gegenstimmen aus dem Lager der Juristen und Gutachter das Wechselmodell seinen Weg endlich, wenn auch langsam, in die deutsche Rechtsprechung findet. 

Jürgen Rudolph, ehemaliger Familienrichter und Begründer der "Cochemer Praxis", erläuterte dann, wie er es mit Hilfe aller am Verfahren Beteiligten erreicht hat, dass die Eltern zu möglichst einvernehmlichen und kindeswohlorientierten Lösungen kamen. Er gab auch einen Einblick in die Regelungen in Kalifornien, wo der Gang zum Gericht zumeist direkt in eine professionelle Beratung der Eltern durch Spezialisten führt. Sowohl Richter als auch Berater sind gut ausgebildet, um den Konflikt zu deeskalieren - auch hier wurde darauf hingewiesen, dass dies dem Wohl der Kinder am Besten entspricht. Das Kalifornische Modell bietet viele Ansatzpunkte auch für Deutschland. In Deutschland arbeiten die Gerichte jedoch noch immer auf Basis einer Gerichtsverfassung, die im wesentlichen aus dem Jahre 1877 stammt, worauf mehrfach hingewiesen wurde. 

In den anschließenden Arbeitsgruppen wurden dann praktische Erfahrungen mit dem Wechselmodell ausgetauscht, Beratung durchgeführt sowie die Rolle der Verfahrensbeteiligten in Bezug auf das Wechselmodell diskutiert und die Ergebnisse anschließend im Plenum vorgetragen. Neben der Deeskalation des Elternkonfliktes, welche als wesentliches Element erneut betont wurde, wurde auch aus den verschiedenen Gruppen unabhängig voneinander das Thema Unterhalt angesprochen - ein Punkt, an dem oftmals ein Wechselmodell scheitert, welcher aber vom Grunde her sehr wenig mit dem immer wieder zitierten Kindeswohl zu tun hat. 

Jan Piet de Man, Diplom Kinder- und Familienpsychologe und Mediator sowie Mitglied des ICSP Vorstands, beschrieb dann verschiedene Möglichkeiten einer kindgerechten Ausgestaltung von Umgang im Sinne eines Wechselmodells. Vom täglichen Wechsel bei Kleinkindern bis zu mehrwöchigen Phasen bei Teenagern bestehen mehrere Möglichkeiten der Umgangsgestaltung, welche nicht immer dem allgemein angenommenen wöchentlichen Wechsel entsprechen müssen. Hierbei wurde deutlich, dass auch das Wechselmodell ein dynamisches Modell sein kann und soll, wenn sich die Eltern kindgerecht darauf einstellen. 

Die Veranstaltung ging dann nach einer Plenumsdiskussion über in das Abendessen mit zahlreichen Einzelgesprächen, welche sich sehr konstruktiv mit dem Thema auseinander setzten. 

Der Sonntag begann traditionell mit der Andacht im Dom zu Halle.

Die eigentliche Veranstaltung wurde danach durch MLaw Martin Widrig (Universität Fribourg, Schweiz) eröffnet. Er beleuchtete das Thema Wechselmodell im Kontext der Rechtsprechung des EGMR und der UN-Kinderrechtskonvention. Er wies auch darauf hin, dass Deutschland in Bezug auf die Menschenrechte durch den EGMR bereits mehrfach angemahnt wurde (z.B. Fall Zaunegger, zur Begründung des Sorgerechtes nicht miteinander verheirateter Eltern).

Cornelia Spachtholz, Bundesvorsitzende des Verbandes berufstätiger Mütter und Väter (VBM) beschrieb die Arbeit ihres Verbandes und den Spagat, Familie und Beruf zu vereinbaren - subsummiert unter dem Begriff Work Life Balance. Die gemeinsame Verantwortung der Eltern für die Kinder ermöglicht beiden Eltern auch nach der Trennung eine gute Vereinbarung von Familie und Beruf - das Wechselmodell begünstigt diese in besonderem Maße. Moderne Mütter und Väter, welche sich vom tradierten Rollenbild gelöst haben, haben dies schon lange erkannt. Es wurde aber auch betont, dass es eines fairen Umganges der Eltern miteinander bedarf und eine Ausgestaltung der Betreuung, welche sich an den Bedürfnissen der Kinder und nicht nur an den Wünschen der Eltern orientiert.

Der Internationale Rat für die Paritätische Doppelresidenz e. V. (ICSP) wurde im Anschluss in seiner Entstehungsgeschichte und Entwicklung von Angela Hoffmeyer vorgestellt. Innerhalb kurzer Zeit konnte ein hoher Grad an internationaler Vernetzung erreicht werden. Der ICSP hat sich lt. Satzung die "Verbreitung und Weiterentwicklung der wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Bedürfnisse und Rechte ("Kindeswohl") von Kindern getrennt lebender Eltern" sowie die "Formulierung von Empfehlungen zur Umsetzung der Paritätischen Doppelresidenz in Gesetzgebung, Rechtsprechung und Praxis auf der Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse" zur Aufgabe gemacht und kooperiert weltweit. Die zweite ICSP-Konferenz für 2015 wurde bereits angekündigt.

Zum Abschluss diskutierten die Teilnehmer und Referenten über die praktischen Aspekte der Paritätischen Doppelresidenz und hatten die Möglichkeit, hier mit den Referenten in die Diskussion und den Austausch zu gehen.

Insgesamt bot der Familienkongress neben sehr interessanten Vorträgen und Perspektiven vor allem auch die Möglichkeit, sich mit Fachleuten und anderen Kreisvereinen des VAfK zur praktischen Arbeit auszutauschen.

Als Fazit bleibt festzuhalten, es bewegt sich ewas in Sachen Paritätische Doppelresidenz und wir sollten gemeinsam dabei mithelfen, dieser Bewegung zu noch mehr Schwung zu verhelfen.